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Wo der Erpel lieber bei Gänsen schläft

Ober-Mossau. Fünfzehn Tierfreunde haben den Verein „Da-Sein für Tiere“ gegründet. Ihnen geht es dabei vordringlich darum, Haustieren auch dann ein weitgehend artgerechtes Leben zu ermöglichen, wenn diese alt oder krank sind. Oftmals werden solche Hunde, Katzen oder andere in Haus und Hof gehaltene Lebewesen von ihren Besitzern abgegeben. Um dann noch ein würdiges Dasein zu fristen, müssen sie schon Glück haben – und etwa auf dem Gnadenhof Münch in Ober-Mossau unterkommen.

„Seit über zehn Jahren führe ich den Gnadenhof jetzt“, sagt Monika Münch. Im Laufe
der Zeit sind Vielfalt und Anzahl der Tiere angewachsen, „auf über hundert, wenn
man die Kleintiere mitzählt; dazu gehören auch Fische wie Forellen und Goldfische oder Vögel wie die afrikanischen Prachtfinken sowie Meerschweinchen und Schildkröten. Gestiegen sind damit der Arbeitsanfall und die Kosten für Futtermittel, Streu und Medikamente sowie tierärztliche Versorgung. Auch der Verwaltungsaufwand wurde
größer für die Tierschutzinitiative Odenwald, die Tiere und Patenschaften an den Gnadenhof vermittelt.

So reifte die Idee, das Ganze als Verein auf eigene Füße zu stellen. Zwar besteht die Zusammenarbeit mit der Tierschutzinitiative weiter, doch als Verein haben die Gnadenbrot-Tierfreunde mehr Unabhängigkeit und müssen nun weniger Aufwand betreiben. „Wir können die Patentiere jetzt direkt vorstellen“, so Monika Münch.
Sie hat den Vorsitz inne, und die Michelstädter Veterinärärztin Dr. Mechthild Will ist
ihre Stellvertreterin. Sie verweist darauf, dass sich die Mitgliederzahl des jungen
Vereins seit der Gründung im Herbst bereits mehr als verdoppelt hat: 31 sind sie nun. Dass ihr Verbund als gemeinnützig anerkannt ist, spielt auch eine bedeutende Rolle:
So können die Tierfreunde Spendern steuerabzugsfähige Quittungen ausstellen. Das
ist vor allem für jene derzeit 25 Paten wichtig, die für ein bestimmtes Tier monatlich
einen Geldbetrag beisteuern. Monika Münch: „Das geht ab einem Euro und ist nach
oben offen. Wir sind eigentlich für alles dankbar.“ Dankbar sind auch die Tiere, um
die es ja eigentlich geht. In der Wohnung wuselt dem Besucher gleich ein ganzes
Rudel kleiner Hunde um die Füße, während eine scheue Katze Reißaus nimmt.
Draußen auf dem Hof zeigt sich ein ganz anderes Bild: Um von den Fichtennadeln
des Weihnachtsgestecks zu naschen, recken sich freilaufende Ziegen an der
Hauswand hoch. „Die stammen aus einem Streichelzoo bei einem Café und machen
jetzt hier den Hof unsicher“, erläutert Mechthild Will. Die Hühner nebenan stammen
aus einer Legebatterie, waren weitgehend kahl gepickt und sollten geschlachtet
werden; einst lethargisch, wirken sie nun recht munter. Einer anderen Hühnergruppe drohte der Tod wegen eingeschränkter Haltungsmöglichkeiten zu Zeiten der
Vogelgrippe. Eine Gans wiederum sollte als Gewinn einer Tombola zu Sankt Martin geschlachtet werden, doch die Besitzerin brachte das nicht übers Herz; so allein
sollte der Vogel aber auch nicht bleiben – jetzt stolziert er mit anderen Gänsen
über den Hof. Schön ist die Geschichte vom kleinen Enterich, der in schlechtem
Zustand auf den Gnadenhof kam. Ihn haben zwei Gänse im wahrsten Sinn des
Wortes unter ihre Fittiche genommen. Mit zwei Jahren ist der Erpel nun
ausgewachsen, doch noch immer schläft er bei seinen „Stiefeltern“. Abends
scheint er aber immer öfter hin und her gerissen zwischen seinem Harem an Artgenossinnen und den fürsorglichen Gänsen, die ihn ebenfalls locken. Vom
Kaninchen bis zum „ältesten Vollblutpferd“ wie im Zoo bekommt der interessierte
Gast Einblick in ein Kaninchen-Gehege. Da hoppeln die Langohren mit viel Auslauf
herum – ganz anders wie in den meist kleinen Kästen, in denen sonst oft Kaninchen gehalten werden. Bei den Pferden hebt die Tierärztin jenes der Rasse Annaburg als „ältestes bekanntes Vollblutpferd Deutschlands“ hervor: es ist 1972 geboren. Neben Eselstute Hora – auch sie sollte geschlachtet werden und blühte in der Herde auf –
steht Eddie wieder gut im Futter, das Pferd war wegen Zahnproblemen mager und schwach, von seinen damaligen Besitzern vernachlässigt. Und der Schimmel Goofy
kam mit einem Tumor am Hals auf den Hof; „er ist seit drei Jahren hier“, sagt Monika Münch, „und hat wieder Spaß am Leben“, ergänzt Mechthild Will.

Manche Besitzer kommen auf den Verein zu und bitten ihn, ein Tier zu übernehmen.
In Ausnahmefällen gibt das Staatliche Veterinäramt Tiere in Pflege. Für manche übernehmen Paten einen Teil der Kosten, erhalten dafür eine Urkunde nebst Spendenbescheinigung und vor allem Freude beim Umgang mit den Tieren. Denn sie können die Schützlinge auf dem Gnadenhof besuchen, viele machen regen Gebrauch
von dieser Möglichkeit.

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ECHO Zeitungen - Textarchiv
Datum: 06.01.2007
Verfasser: Streun, Elmar                                                                             zurück